Die verborgene Persönlichkeit unter der Maske

Masking bedeutet, autistische Verhaltensweisen zu unterdrücken und neurotypische Verhaltensweisen nachzuahmen. Das fängt bei kleinen Dingen an: Blickkontakt erzwingen, Hände ruhig halten, Smalltalk-Floskeln einstudieren. Auf Dauer führt diese Hochleistungs- Anpassungsleistung jedoch dazu, dass die eigene Persönlichkeit verschüttet wird. Die wirklichen  Interessen, Bedürfnisse und spontanen Reaktionen – all das gerät in den Hintergrund. Was bleibt, ist die Fassade, der reale Avatar

Wenn du dich selbst nicht mehr kennst

Die Folge über die Jahre: Der autistischen Person ist nicht mehr klar, was eigentlich ihre eigene Persönlichkeit ist. Bin ich wirklich ruhig, oder habe ich nur gelernt, nichts zu sagen? Mag ich diese Musik, oder habe ich sie als „akzeptabel“ kategorisiert, um nicht aufzufallen? Habe ich diesen Beruf gewählt, weil er mich erfüllt oder weil er gesellschaftlich anerkannt ist? Diese existenziellen Fragen stellen sich viele nie, weil ihnen der Umfang ihres Masking gar nicht klar ist. Manche kommen in diese Persönlichkeitskrise erst, wenn die Diagnose schriftlich auf dem Tisch liegt.

Der unsichtbare Preis: Chronischer Stress

Masking ist kein harmloses Schauspiel. Es verursacht enormen Stress, führt zu Erschöpfungszuständen, Diabetes, Bluthochdruck, Burnout und Depressionen. Deshalb ist es so wichtig, das Masking zu erkennen und zu vermindern. Doch wie soll das gelingen, wenn man es nicht als solches erkennt oder es für völlig normal hält? Viele Autistische wachsen mit dem Gefühl auf, dass ihre Anstrengungen einfach „dazugehören“ um nicht aufzufallen. Sie kennen keinen anderen Zustand. Der Leidensdruck wird normalisiert.

Zu perfekt angepasst für eine Diagnose

Die traurige Ironie: Gerade die Fähigkeit zu maskieren führt oft dazu, dass Autismus nicht erkannt wird. Die Anpassungsleistungen sind zu perfekt. Kommt Hochbegabung oder ADHS dazu, nahezu unerkennbar: Blickkontakt wird gehalten, die Kommunikation gelingt, es wird an den richtigen Stellen gelacht, Smalltalk sitzt, Ironie wird analysiert und erkannt. Für unerfahrene Diagnostiker wirkt die Person sozial kompetent, angepasst, unauffällig. Dabei steckt dahinter ein riesiger, unsichtbarer Kraftakt. Aufgrund fehlender Sensibilität und Erfahrung bekommt der Patient dann eine „Alternativ“-Diagnose:  Eine Angststörungen, Zwänge, Depressionen, oder darf es eine Psychose sein? Bei mir persönlich wurden schizoide und zwanghafte Verhaltensmuster diagnostiziert und regelmäßige sportliche Aktivität und Entspannungsverfahren empfohlen. Das war Jahre vor der Autismus- Diagnose. Heute kann ich darüber lachen, damals verstand ich die Welt nicht mehr und fiel in ein tiefes, tiefes depressives Loch. Heute weiß ich, dass Autismus und ADHS hinter allem steckten und alles erklärbar machten! Für mich eine Befreiung!

Ahnungslos durch die Nacht: Das Versagen vieler Diagnostiker

Diagnostiker erkennen Autismus oft nicht. Masking wird bei der Diagnose nicht berücksichtigt, geschweige denn systematisch abgeprüft. Statt zu fragen: „Haben Sie einen erhöhten Ruhebedarf nach Terminen wie diesem?“ – was ein klarer Hinweis auf  Masking sein kann – wird angenommen, dass, wer Augenkontakt halten, lächeln oder lügen kann unmöglich Autist sein kann (Ist mir tatsächlich so passiert!). Es läuft frei nach dem Song von Helene Fischer: Ahnungslos durch die Nacht, bis ein neuer Abrechnungs-Tag erwacht. Das ist kein böser Wille, es ist reine Betriebswirtschaft. Streichungen bei der Aus- und Weiterbildung sowie Supervision von weniger erfahrenen Mitarbeitenden spart schließlich bares Geld ein. Für die Hilfesuchenden ist die daraus folgende Fehldiagnose eine riesige Katastrophe !!

Die Krise nach der Diagnose: Wer bin ich wirklich?

Wenn dann eine Diagnose kommt, bricht für viele eine Welt zusammen. Die Erkenntnis: Ich bin autistisch! Ich betreibe seit Jahrzehnten Masking! Wer bin ich wirklich, wenn ich die Maske abnehme? Was von meinem Leben war echt? Diese Fragen können besonders bei spät Diagnostizierten eine Krise auslösen.
Andererseits ist die nach der Diagnose folgende Auseinandersetzung mit sich selbst der einzige und befreiende Weg zu einem authentischen Leben.

Besondere Probleme bei Spätdiagnostizierten

Menschen, die über 50 Jahre oder länger ihr Masking perfektioniert haben, stehen vor besonderen Herausforderungen. Das Masking sitzt so tief, dass es sich automatisch abspielt – wie ein Muskelgedächtnis. Es ist nicht einfach „ablegbar“. Hinzu kommen oft Verlustängste: Wer mag mich noch ohne Maske? Kann ich meinen Job behalten? Zerbrechen Freundschaften oder Beziehungen? Die Abhängigkeit vom Masking ist existenziell.
Eins ist sicher: Der Körper wird die Stressbelastung des Masking nicht ewig aushalten. Bei mir kam der Zusammenbruch mit 55 Jahren, sechs Jahre später die Diagnosen. Im Rückblick also ein autistischer burnout, der massive körperlichen Folgen hatte.
Mein Leben musste radikal umgestellt werden, die Stressbelastung deutlich reduziert werden. Job, Freundschaften, Gewohnheiten, alles musste neu gedacht werden. Ich hatte keine Wahl. Dieser Prozess läuft nun seit zwei Jahren und ist keinesfalls abgeschlossen.

Wie erkenne ich Masking – und wie vermeide ich es?

Der erste Schritt ist Selbstbeobachtung. Frage dich:

  • Habe ich das Gefühl, ein Skript abzuspulen?
  • Weiß ich manchmal nicht, was ich wirklich fühle oder will?
  • Ist die momentane Situation für mich besonders stressig?
  • Gibt es Menschen, die mir nicht gut tun?
  • Korrigiere ich meine natürliche Körperhaltung oder Mimik ständig?

Such dir Austausch mit anderen Autisten. Führe ein Tagebuch über deine Energie nach sozialen Situationen. Erlaube dir bewusst, in sicheren Räumen die Maske fallen zu lassen – erst allein, dann mit vertrauten Menschen. Masking zu vermeiden heißt nicht, von heute auf morgen „komplett anders“ zu sein. Es heißt, kleine Inseln der Authentizität zu schaffen und andererseits bewusst zu entscheiden, in welchen Situationen einem Masking Schutz bieten kann.

Selbsthilfegruppen: Der sichere Raum ohne Maske

Selbsthilfegruppen können beim Befreien von der Maske sehr gut helfen und unterstützen. In einer Gruppe von Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, musst du nichts erklären, nichts vorspielen, nichts rechtfertigen. Hier kannst du erleben, wie es sich anfühlt, einfach du selbst zu sein – mit allen Eigenheiten, Stimming, Auszeiten, Unterbrechungen oder auch längerem Schweigen. Die gegenseitige Bestätigung tut unglaublich gut: „Du bist nicht allein, du bist nicht kaputt, du musst dich nicht verstellen.“ Also: Kommt in die Gruppen! Der Austausch mit Gleichgesinnten ist oft der erste Ort, an dem die Maske wirklich fallen darf.

Die Frage ist: Wer soll die Diagnostik leisten?

Wer will schon sehr viel Aufwand betreiben, um eine verhältnismäßig kleine Gruppe diagnostizieren zu können? Wer will sich schon im Studium und lebenslang weiter spezialisieren und seine Wahrnehmungsfähigkeiten verfeinern? Wer kann sich dauerhaft Fallbesprechungen und Supervision durch erfahrene oder im Idealfall selbst autistische Diagnostizierende leisten? Wer will ständig Erfahrungen z.B. in Selbsthilfegruppen austauschen? Wer will das alles für Kassenpatienten tun und nicht privat abrechnen?

Versucht mal einen Diagnosetermin zu bekommen, dann habt ihr die Antwort.
Wir brauchen dringend eine menschengerechtere Diagnostik.

Fazit: Die Maske ist nicht das wahre Gesicht

Nein, das lebenslange Masking ist nicht die wahre Persönlichkeit des Autisten. Es ist eine krank machende Überlebensstrategie in einer Welt, die Abweichungen nicht toleriert. Die wahre Persönlichkeit ist das, was unter der Maske schlummert – manchmal ängstlich, verletzt, leise, unsicher, aber voller echter Regungen und Bedürfnisse. Der Weg zum wahren Selbst ist nicht einfach, aber er ist möglich und heilsam. Er führt über Selbstreflexion, den Austausch in Selbsthilfegruppen und den Mut, seine Andersartigkeit selbstbewusst zu leben.

Selbsthilfe ist Nothilfe :
Selbsthilfegruppen muss es geben, solange unser Gesundheitssystem weiterhin versagt. Wir können eine ärztliche Behandlung nicht ersetzen oder ergänzen. Es werden bei uns keine Diagnosen erstellt oder ärztliche bzw. therapeutische Ratschläge erteilt. 
Die Teilnahme an den Gruppenaktivitäten ist kostenfrei und erfolgt auf eigene Verantwortung und eigenes Risiko.